TachoTinta war mir zum ersten Mal 2022 aufgefallen, als ich ihre Arbeit „commonnorm“ in der Tanzfaktur Köln sah. In diesem Stück schrauben sich die Tänzer*innen, in wiederholenden Loops um einen Tisch rotierend, an ihre physischen Grenzen. Sobald die ständige Wiederholung unterbrochen wird, zeigt sich in der Unterbrechung die leere Vorstellung von Normalität, die augenscheinlich zerfällt. Die Zuschauenden bleiben mit der Frage zurück, wie wir uns den Raum teilen und gemeinsam an einem Tisch sitzen können?
Bei der Recherche für das Stadtprojekt des Impulse Theater Festivals 2024, an dem ich als Dramaturgin beteiligt war, hat mich die Frage beschäftigt, wie wir uns gemeinsam öffentliche Räume – zum Beispiel Freibäder – teilen können? Warum werden genau diese Orte kaputtgespart oder aufgegeben? Und sind Kunst und Sport am Ende verwandte Disziplinen, die auf ihre jeweils eigene Weise Virtuosität und Gemeinschaft produzieren?
Um herauszufinden, welche Funktionen Schwimmbäder für das Zusammenleben in einer Stadt haben und welche Aktivitäten dort stattfinden, habe ich zunächst recherchiert, welche Wassersportarten in Mülheim an der Ruhr – dem Ort, in dem das Stadtprojekt 2024 stattfand – praktiziert werden. Dabei bin ich auf Unterwasser-Rugby gestoßen, eine Wassersportart, die angeblich sogar in Mülheim an der Ruhr erfunden wurde und mittlerweile weltweit gespielt wird. Trotzdem führt Unterwasser-Rugby ein Schattendasein, vor allem, weil Zuschauende am Beckenrand von dem Spiel unter Wasser kaum etwas sehen können. Selbst bei Wettkämpfen gibt es so gut wie kein Publikum, obwohl der Sport spannend und sehr divers ist. Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher Geschlechter spielen in der gleichen Mannschaft. Das Wasser egalisiert die Unterschiede und schont die Gelenke.
Im Rahmen des Stadtprojekts „Schwimm City – ein Bad für alle?“ wurde TachoTinta eingeladen, sich mit diesem Sport näher zu beschäftigen und eine künstlerische Zusammenarbeit mit der lokalen Unterwasser-Rugby-Mannschaft zu versuchen. Doch die professionellen Unterwasser-Rugby-Spieler*innen trainieren mehrmals die Woche, fahren europaweit zu Wettkämpfen, gewinnen Medaillen – alles in ihrer Freizeit, neben Job und Familie. Warum sollten sie Interesse haben, an einem Kunstprojekt teilzunehmen?
Nach zahlreichen E-Mails und Telefonaten ist es TachoTinta gelungen, nicht nur Kontakt zu Unterwasser-Rugby-Spieler*innen herzustellen, sondern zum gemeinsamen Training eingeladen zu werden. Bei den ersten Begegnungen war eine gewisse Zurückhaltung zu spüren. Die Spieler*innen sagten, sie seien Sportler*innen und keine Tänzer*innen. Wie sollte man diesen Sport auf einer Theaterbühne ganz ohne Wasser präsentieren? Erst als TachoTinta, und später auch ich, an einigen Trainings teilgenommen hatten und selbst ins Wasser gestiegen waren, wuchs das Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf das Projekt einzulassen. Nach mehreren gemeinsamen Proben im Studio, ist dann ein choreografisches Porträt entstanden, das Menschen verschiedener Generationen zeigt, die durch ihr jahrelanges, gemeinsames Training ein eingespieltes Team mit bemerkenswerten Fähigkeiten geworden sind. Nicht nur im Wasser, sondern auch auf der Bühne geben sie sich die Bälle weiter. Ein in Zeitlupe gefasster Wassertanz unterschiedlichster Körper auf dem Trockenen, der deutlich macht, wie wertvoll und wichtig geteilte Räume über und unter dem Wasser, im Sport und in der Kunst, sind. Die Arbeit von TachoTinta hat es geschafft, Unterwasser-Ruby aus dem Unsichtbaren an die Oberfläche zu holen, mehr Sichtbarkeit für diesen Sport und die Menschen, die ihn ausüben, zu schaffen.
Anna Bründl, Dramaturgin Stadtprojekt „Schwimm City – ein Bad für alle?“ Impulse Theater Festival 2024
