Beim Gedanken an das Meer, seine weite und geheimnisvolle Unterwasserwelt, das Wabern von Anemonen und Wimmeln kleiner Fische stellt sich bei vielen von uns eine starke Sehnsucht ein, ein Fernweh nach dem beruhigenden Rauschen der Wellen und dem Gefühl von salzigen Lippen. Doch gleichzeitig umgibt die Tiefsee auch ein dunkles Geheimnis, bietet sie Versteck für Raubtiere und entzieht sich mit ihren schwarzen Untiefen unserem Verständnis. Mit dem Blick auf die Wasseroberfläche verliert der Mensch seine Hybris. Hier herrschen andere Regeln – die Regeln der Unterwassertiere.
Acht Arme und drei Herzen
Eines dieser Tiere ist der Oktopus, der sich in den letzten Jahren in der künstlerischen Auseinandersetzung einer immer größer werdenden Pulpolarität – Verzeihung: Popularität – erfreut. Als Publikumsliebling und mürrischer Freund vom vergesslichen Fisch Dorie etwa in der Findet-Nemo-Fortsetzung. Oder als Protagonist des oscarprämierten Dokumentarfilms „My Octopus Teacher“. Und erst vor Kurzem wurde Luca Kiesers Roman „Weil da war etwas im Wasser“ für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert – ein Buch, in dem ein Riesenkalmar zu sprechen beginnt und seine Tentakel Geschichten erzählen.
Doch gerade ihre acht Tentakel führen wohl dazu, dass das Image der Oktopoden nicht immer nur positiv ist. So werden sie in Mythen und Geschichten ebenso als bedrohlich skizziert, als monströs und gefährlich. Ein Bild, das TachoTinta mit der Produktion „Ultramarine Sway“ entschieden infrage stellen möchte: Indem die Körperlichkeit der Meereskreaturen unter Wasser erforscht und unsere Blicke auf die funkelnde Schönheit spielerischer Bewegungen gerichtet werden, gehen wir in dieser Performance eine Verbindung mit den unbekannten Wesen ein, die sich zwischen Neugier und Rückzug, Ekstase und Fragilität bewegt.
Schillernde Wesen zwischen Mythos und Technik
Als wir den Saal im Tanzhaus NRW in völliger Dunkelheit betreten, bewegen sich die drei Performer*innen Brigitte Huezo, Maria Mercedes Flores Mujica und Vivien Kovarbašić bereits als fantastische Tierwesen auf der Bühne. Allein die von ihnen geführten Taschenlampen erzeugen kleine Lichtflecken im dunklen Raum. Die Wesen inspizieren das Publikum. An diesem Morgen besteht dieses zum großen Teil aus jungen Schüler*innen, die sich entweder etwas verschämt aus dem Lichtkegel ducken oder extra die Füße ausstrecken, um angeleuchtet zu werden. Atmosphärische Klänge (Vincent Michalke) brechen in die Dunkelheit, erinnern an Schallwellen, Wasserrauschen und Schiffsmechanik. In Kombination mit den Lichtern setzt bereits diese erste Szene zahlreiche Bilder und Gefühle frei: So erinnern die Performer*innen an Leuchttürme, die Orientierung bieten. Oder doch eher an Anglerfische, die ihre Beute mit dem Licht anlocken, um sie dann zu fressen? Werden wir skeptisch beobachtet wie Eindringlinge oder als Gäst*innen neugierig betrachtet? Schon zu Beginn wird eine ambivalente Atmosphäre kreiert, die uns direkt auf den geheimnisvollen Meeresgrund katapultiert und die Spannung steigen lässt.
Als schließlich ein blau-lila Licht den detaillierteren Blick auf die Bühne zulässt, beginnen die Tierwesen in Soloperformances zu schillern. Auffällig sind dabei die aufwendigen Kostüme (Al Buchwald), die mit den Performer*innen eine Symbiose eingehen. Durch ihre Mechanik sind die Kostüme selbst Performancekörper, die gleichzeitig ästhetisch hypnotisierend und bedrohlich wirken. Wir sehen rosa-lila-marmorierte Stacheln, die sich langsam aufstellen, während das Wesen unter ihnen zittert und zuckt. Ein weiteres Unterwassertier ist mit einer Weste ausgestattet, auf deren Rücken sich sechs rosa und mit Strasssteinen verzierte Stacheln drehen und so Assoziationen freisetzen, die zwischen Kugelfisch, Einhorn und Bohrmaschine oszillieren. Das dritte Lebewesen trägt seinen Schutzmechanismus am Bauch; grazile Tentakel, die sich wabernd anemonenhaft bewegen. All diese von der Natur inspirierten Looks werden mit einer sichtbar artifiziellen Mechanik kombiniert. Durch Sensoren und Chips betrieben, hören wir ein kontinuierliches Surren und Summen der Tentakel und Stacheln, die im blauen Licht zart rosa glitzern und somit ein kontrastreiches Bild zwischen Mythos und Technik evozieren. Ausgestattet mit Schläuchen, Kabeln und Lichtern wirken die Unterwasserwesen auf der Bühne fast wie ein cybernaturalistisches Paradoxon, wie eine futuristische Spezies in der Zwischenwelt. Unterstützt werden die schwebenden Bewegungen durch ein großes Rollbrett, auf dem die Tiere kraftvoll stehen oder räkelnd über die Oberfläche gleiten. Eine Szenerie zwischen Objekttheater und Tanz.
Freie Körper, tanzende Geister
Während der Soloperformances immer spürbar: eine Mischung aus Neugierde und Scheu, Abenteuerlust und Angst. So bewegen sich die Kreaturen mal im Stakkato, fast roboterartig, poppend und akzentuiert, dann wieder eins mit dem Wasser, wellenartig und weich. Sie ziehen sich in einem Moment zurück in ihre Schutzpanzer, um sich im nächsten wieder frech herausfordernd dem Publikum zu nähern und uns verspielte Blicke zuzuwerfen.
Diese Spielfreude erreicht schließlich ihren Höhepunkt, als die Performer*innen ihre Kostüme ablegen und an Haken hängen: Schwebend wirken die Schläuche und Tentakel dort wie eigene Kreaturen, fremdartig und abgestreift. Bei den Weichtieren auf der Bühne herrscht ab jetzt Ekstase: Waren sie zuvor eher für sich in ihre Soloperformances vertieft, so finden sie nun zueinander, fangen an zu lachen, sprühen vor Energie. In synchronen Choreografien finden die Einzelgänger*innen nun Zusammenhalt und Spaß an der Bewegung. Ein Paarungstanz? Ein Spieltrieb? Ein Freiheitsschlag? Untermalt von einem immer deftiger werdenden Technobeat erscheint die Performance nun wie eine ekstatische Unterwasserparty. Schrittfolgen, die an Aerobic-Übungen erinnern, werden gepaart mit ausdrucksstarken impulsartigen Bewegungen, sodass man Lust bekommt, aufzustehen und mitzutanzen.
Die Figuren nehmen sich ihren Raum. Euphorisch bewegen sie sich durch die Wellen und ertanzen sich ihr Territorium in verspielter Anmut (zurück). Am Ende finden sie laut ausatmend in der Verbindung zur Ruhe. Als achtarmiger Oktopus strecken die Performer*innen ihre Beine in die Höhe und werden so eins. Wir schauen auf das Schattenspiel an der Wand und träumen uns in die Tiefsee, die nun gar nicht mehr so bedrohlich wirkt.
Bild © Robin Junicke
